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Produktion - Viktorianische Ausschweifungen
Viktorianische Ausschweifungen
Erotik-Lesung — LIDO 2002Dauer: 54 Minuten 52 Sekunden
Geheimnisvolles Pseudonym
Mit den "Viktorianischen Ausschweifungen" schlägt Helmut Krauss ein rätselhaftes Buch auf. Rätselhaft gleich in mehrfacher Hinsicht. Zuerst: Wer auf dem Einband nach dem Autor sucht, der muss sich mit einem Pseudonym zufrieden geben: Walter.
Dass es die Verfasser erotischer Literatur von jeher vorzogen, sich hinter Pseudonymen zu verbergen, ist bekannt. Bekannt ist aber auch, dass sie sich dabei nicht besonders geschickt anstellten. In der Regel gaben sich die scheuen Herren früher oder später zu erkennen oder "sickerten als solche einfach durch". Nicht in diesem Fall. Für die "Viktorianischen Ausschweifungen", die im englischen Original "My secret Life" heißen, ist man zur Befriedigung der Neugier auf Vermutungen angewiesen. Ein gewisser Henry Spencer Ashbee könnte es gewesen sein. Indes: Beweisen lässt es sich nicht.
Zahllose amouröse Abenteuer
Belegt ist immerhin, dass erstmals 1890 eine Ausgabe dieser "Erinnerungen" zu erwerben war. Und wem das gelang - es erschien nur die winzige Auflage von 20 Bänden -, der stand vor einem weiteren Rätsel.
Wenn Georges Simenon fast 100 Jahre später Federico Fellini erzählte, er habe in seinem Leben rund zehntausend Frauen beglückt, darf das getrost als Übertreibung betrachtet werden. Bei Walter indes blättert der Leser in einem Tagebuch, das den libidinösen Erdrutsch nicht nur behauptet, sondern auch zu verbürgen scheint.
Im Verlauf mehrerer Jahrzehnte aufgezeichnet, entstand ein Konvolut, das auf 4.200 Seiten fast ausschließlich von Eroberungen berichtet. Erstaunlich ist dabei weniger die immense Zahl der amourösen Kapricen, an die man glauben mag oder nicht.
Ein Tabubruch
Schon eher der Umfang, in dem der Autor seine Aktivitäten protokollierte - in einer Zeit, in der das Bekenntnis zum Trieb als die Vorstufe zur Apokalypse galt. Dass der Engländer Walter also wahr machte, wovon der Belgier Simenon bei seinem italienischen Film-Freund träumte, ist weniger überraschend, als auf den ersten Blick zu vermuten wäre. Die größere Überraschung besteht im Tabubruch der "Beichte", die Walter ablegt. Er genießt, aber er schweigt nicht. Stattdessen legt er an die Wurzeln der Konvention einen 4.200-seitigen Sprengsatz.
LeserHelmut Krauss